Zoll: Worauf sich Unternehmen nach dem Brexit einstellen müssen

Ein harter Brexit würde die Zahl der abzugebenden Zollerklärungen explosionsartig ansteigen lassen.

Bye-bye Britain: Viel Zeit bleibt nicht mehr, bis die Übergangszeit endet und der Brexit vollzogen wird. Ein Hard Brexit wird immer wahrscheinlicher. (Foto: Bluedesign / Fotolia)
Bye-bye Britain: Viel Zeit bleibt nicht mehr, bis die Übergangszeit endet und der Brexit vollzogen wird. Ein Hard Brexit wird immer wahrscheinlicher. (Foto: Bluedesign / Fotolia)
Christine Harttmann
(erschienen bei LOGISTIK HEUTE von Therese Meitinger)

Der Brexit steht bevor – und mit ihm tiefgreifende Veränderungen in den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien. Der Logistik-IT-Anbieter BluJay Solutions hat in einer aktuellen Pressemitteilung Prognosen und Handlungsempfehlungen für die Entwicklung in der Logistik nach dem 31. Dezember 2020 abgegeben.

Wenn Großbritannien zum Jahreswechsel aus dem Binnenmarkt und der Zollunion ausscheidet, werden sich Zollanmeldung, Exportbedingungen und Steuerregelungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich entscheidend ändern, argumentiert BluJay. Dies treffe zu unabhängig davon, ob beide Seiten bis dahin ein Handelsabkommen vereinbaren oder ob mit Eintritt eines harten Brexits automatisch die Mindeststandards der Welthandelsorganisation (WTO) in Kraft treten.

Derzeit werden dem Anbieter zufolge rund 70 Prozent aller in England, Schottland, Wales und Nordirland verkauften Waren importiert. Die Hälfte der Einfuhren stammte demnach im Jahr 2019 aus der Europäischen Union (Wert: 304 Milliarden Euro), Importe aus Nicht-EU-Ländern beliefen sich auf 311,9 Milliarden Euro. Im gleichen Zeitraum exportierte das Vereinigte Königreich Waren im Wert von rund 193,7 Milliarden Euro innerhalb des EU-Binnenmarktes und für 217,3 Milliarden Euro außerhalb der EU.

Beim Hard Brexit drohen 400 Millionen Zollerklärungen

Im Falle eines harten Brexits würden sich allein die Zollformalitäten für den Handel mit EU-Staaten drastisch erhöhen, erläutert Stefan Tärneberg, Director Solutions Consulting bei BluJay Solutions:

„Sollte Großbritannien zum Drittstaat werden, wird sich die Zahl der Zollanmeldungen vervielfachen. Im vergangenen Jahr mussten britische Unternehmen fünf Millionen Zollerklärungen ausfüllen, im Falle eines Hard Brexit wären es schlagartig 400 Millionen – ein Anstieg um beispiellose 8.000 Prozent.“

Art und Umfang der Zollformalitäten hängen vom Zustandekommen eines Freihandelsabkommen ab – und ein Brexit ohne Handelsvertrag würde, davon ist man bei BluJay überzeugt, teuer werden. Tärneberg dazu: „Im besten Fall kommt Großbritannien mit einem blauen Auge davon. Liegt ein Abkommen vor, lassen sich die Zollformalitäten begrenzen.“ In einem „No-Deal“-Szenario würden dagegen erhebliche Ressourcen in den Unternehmen durch das Ausfüllen komplexer Zollerklärungen gebunden. „Die Unternehmen müssen die Sache selbst in die Hand nehmen und die Zollerklärungen automatisieren. Wer unvorbereitet ins neue Jahr geht, wird am 1. Januar einen gewaltigen Schock erleben.“

Die Übergangszeit wird holprig – und bringt Chancen

Ebenso wichtig ist es BluJay zufolge, die ab dem 1. Januar 2021 unvermeidlichen Staus zwischen Calais und Dover einzuplanen. Denn wie auch immer die neuen Zollregelungen im Detail aussehen würden – in jedem Fall sei mit einem holprigen Start und langen Wartezeiten zu rechnen. Wann immer möglich, sollten laut dem IT-Anbieter insbesondere im Januar und Februar andere Ziele in Großbritannien ausgewählt werden, um die überlastete Verbindung nach Dover zu vermeiden. Hier bieten sich etwa die Häfen London Gateway, Tilbury, Harwich oder Newhaven an.

Stefan Tärneberg resümiert:

„Für viele Unternehmen birgt die Krise auch eine Chance, die Lieferkette flexibler und damit krisensicherer zu machen. Beispiele sind etwa die gemeinsame Nutzung von Containern oder eine Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Versendern, Logistikunternehmers, Spediteuren und Zollagenten bei der Routenplanung. Letztlich werden diejenigen profitieren, die trotz sprichwörtlich schwerer See ihre Ziele erreichen – auch wenn das bedeutet, vom bislang gewohnten Kurs abzuweichen.“

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