Ruhe Unternehmensgruppe: Bio-LNG-Anlage in Brandenburg

In Parmen in der Uckermark errichtet die Ruhe Unternehmensgruppe ihre zweite Produktionsanlage für Bio-LNG. Sie soll über eine Kapazität von 7,5 Tonnen pro Tag verfügen und im November in Betrieb gehen.

Drohnenaufnahme der Bio-LNG Anlage in Parmen. (Foto: Ruhe Biogas)
Drohnenaufnahme der Bio-LNG Anlage in Parmen. (Foto: Ruhe Biogas)
Anna Barbara Brüggmann

2023 hat Ruhe eine Kompaktanlage in Darchau bei Lüneburg gestartet, die täglich bis zu 2,5 Tonnen klimaneutralen Kraftstoff für Lkw und Traktoren herstellen soll. Nun realisiert die Unternehmensgruppe, die ihre Aktivitäten von der Zentrale im niedersächsischen Lüsche aus steuert, eine Bio-LNG-Anlage im brandenburgischen Parmen.

Mit dem Kraftstoff sei geplant, die Region rund um den Standort zu versorgen, heißt es. 2024 sollen Unternehmensangaben zufolge weitere acht Anlagen mit einer Gesamtkapazität von mehr als 60 Tonnen Bio-LNG pro Tag an Kundenstandorten und eigenen Standorten der Gruppe errichtet werden.

Das Modell zeichne sich durch seine kompakte Bauart aus und könnte bei vielen Agrarbetrieben in Deutschland und Europa Verwendung finden. Landwirtschaftliche Betriebe würden meist Biogas zur Stromerzeugung nutzen. Die neue Anlage in Parmen werde stattdessen ähnlich wie am Standort in Darchau anteilig Bio-LNG produzieren, mit welchem Lkw, Traktoren sowie auch Schiffe und Busse angetrieben werden könnten.

Der Biokraftstoff wird nach Angaben des Unternehmens aus landwirtschaftlichen Reststoffen erzeugt und böte ein neues Geschäftsmodell für Landwirte. Nach Angaben von Thomas Rolfes, Geschäftsführer der Ruhe Unternehmensgruppe, setze man auf regionale Energiekonzepte aus der Landwirtschaft.

„Ein entscheidender Baustein dafür ist die Produktion von Bio-LNG, da wir damit unseren Beitrag zu einer regionalen Kreislaufwirtschaft weiter ausbauen“, so Rolfes.

Negative CO2-Bilanz

Die drei beteiligten Biogasanlagen in Parmen wurden nach den Kriterien des RedCert EU-Systems zertifiziert. Das Bio-LNG soll über das Tankstellennetz eines Partnerunternehmens in einem regionalen Umkreis zur Verfügung gestellt werden, einen Teil davon möchte der Unternehmensbereich Ruhe Agrar zum Betrieb eigener Fahrzeuge nutzen.

 „Mit dem phasenübergreifenden Zukunftskonzept für Biogas können wir die Verkehrswende aktiv mitgestalten“, so Unternehmensgründer und Gesellschafter Kunibert Ruhe. „Wir wollen der Branche mit unserer Initiative auch den dringenden Rückenwind für lokal produzierte, dezentrale und erneuerbare Energien geben. Mit diesem Projekt wird erstmalig in Deutschland über ein eigenes Mikrogasnetz zur Verknüpfung von mehreren Biogasanlagen dezentral Bio-LNG produziert. Dies ist ein weiterer Meilenstein für die Biogasbranche“, erklärt Ruhe.

Die Aufbereitung und Verflüssigung am Standort in Parmen wird über ein Mikrogasnetz von acht Kilometern zwischen den Biogasanlagen in Fürstenhagen und Parmen und von rund sechs Kilometern zwischen den Biogasanlagen Fürstenwerder und Parmen mit zusätzlichem Rohgas versorgt, so die Angaben.

Wenn Abfallprodukte wie Gülle und Mist aus Betrieben in der Region für die Herstellung eingesetzt werden, falle die CO2-Bilanz der Nutzung von Bio-LNG als Treibstoff  negativ aus. Durch die Nutzung des beim Gärprozess freiwerdenden Methans werde verhindert, dass dieses in die Atmosphäre gelangt.

Ein weiterer Vorteil liege in der Energiedichte von Bio-LNG: ein Kilogramm Bio-LNG soll etwa 1,4-mal mehr Energie als ein Liter Diesel enthalten. Ruhe zufolge ist es möglich, mit dem Kraftstoff eine jährliche Menge von circa 3,8 Millionen Litern Dieseltreibstoff zu ersetzen und damit rund 27.000 Tonnen CO2äq einzusparen.

Forderung an Politik

Allerdings hätten Anfang 2023 große Importmengen falsch titulierter Biokraftstoffe aus Asien für Verunsicherung gesorgt. Maximilian Ruhe, Geschäftsführer der Ruhe Biogas Service GmbH, fordert daher Unterstützung von Seiten der Politik Unterstützung für den Aufbau einer nachhaltigen Bio-LNG-Produktion in Deutschland.

 „Wir brauchen eine gesetzliche Steuerung, welche mutmaßliche Betrugsfälle im Biokraftstoffmarkt schnell aufklärt und Akteuren Vertrauen und Planbarkeit gibt. Dazu gehört neben Entscheidungsgeschwindigkeit auch ein klares Bekenntnis zur doppelten Anrechnung fortschrittlicher Biokraftstoffe sowie die Verlängerung der Treibhausgasminderungsziele bis 2040, um das Potenzial von grünem Treibstoff aus Biogas zu heben“, betont Maximilian Ruhe.

Bio-LNG werde bislang von der Energiesteuer genauso wie LNG aus fossiler Erdgasförderung im Ausland behandelt, es müssen jedoch zwischen nachhaltigem und fossilem Kraftstoff differenziert werden. Ebenso wenig würden die nachhaltige Produktion von Bio-LNG bei der Erhebung der Maut-Tarife berücksichtigt und in die Bewertung einfließen.

Die Politik lege für die Dekarbonisierung der Lkw den Fokus bisher auf Elektromobilität und Wasserstoff, darum fordert der Geschäftsführer der Ruhe Biogas Service GmbH mehr Technologieoffeheit.

 „Bei der vollständigen Verarbeitung des in Deutschland anfallenden Wirtschaftsdüngers zur Bio-LNG Produktion kann mehr als 35 Prozent des Schwerlastverkehrs mit Kraftstoff versorgt werden. Durch das enorme Treibhausgasminderungspotenzial wäre dadurch der gesamte Schwerlastverkehr klimaneutral und somit 30 Prozent des gesamten deutschen CO2-Ausstoßes reduziert“, meint Ruhe.

Carbon-Correction-Factor?

Auch Dr. Timm Kehler, Vorstand Zukunft Gas fordert ein Umdenken der Politik: Bio-CNG und Bio-LNG würden bereits heute einen erheblichen Beitrag zur Reduktion verkehrsbedingter CO2-Emissionen beitragen, mit der bereits ausgereiften Technologie könne man sofort CO2-Einsparungen generieren. Doch die Politik honoriere nicht die Bemühungen von Biogasproduzenten, den Anteil des klimaneutralen Kraftstoffs aus Abfall- und Reststoffen weiter zu erhöhen.

Mit der Einführung eines „Carbon-Correction-Factors“ könnte laut Kehler der Klimaschutz im Güterverkehr kurzfristig beschleunigt werden. Auch sollte seiner Meinung nach die Bundesregierung Investitionen in Biogasanlagen unterstützen.

Projektbeteiligte

In Parmen sind mehrere Unternehmen der Ruhe Gruppe am Projekt beteiligt, neben den drei Biogasanlagen der Unternehmensgruppe gehört dazu auch Ruhe Biogas, die den Betreiber der neuen Bio-LNG-Anlage mit einer Machbarkeitsstudie sowie der Vermarktung und Nachhaltigkeitszertifizierung unterstützt.

Die Green Line Liquid Anlagenbau GmbH ist Lieferant für die Planung, Erstellung von Genehmigungsunterlagen und Lieferung, genauer gesagt für die  Vorbehandlung (Entschwefelung und Trocknung), die Aufbereitung (Gastrennung Kohlenstoffdioxid und Methan), die Feinreinigung (finale Gasbehandlung vor der Verflüssigung), die Biomethan-Verflüssigung (Herunterkühlen auf -155°C), für die Lagerung (100 Kubikmeter kryogener Bio-LNG-Tank), das LNG Verladesystem für Transportkraftwagen und die Bio-LNG-Befülleinheit für Fahrzeuge.

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