Nationale Wasserstoffstrategie: Zentrales Element der Energiewende - und im Verkehr?

Sogar bei Verkündung der groß angelegten Wasserstoffstrategie scheinen die Bruchstellen in der Ampel-Koalition auf: Umweltministerin Lemke sieht Wasserstoff nur, wo es keine andere Option zur Dekarbonisierung gibt, Verkehrsminister Wissing bringt den Sektor als Skalierungsfaktor ins Spiel und will Fahrzeuge und Tankinfrastruktur forcieren.

Alternative, auch im Verkehr? Bundesverkehrsminister Wissing sieht Wasserstoff als gute Ergänzung, Umweltministerin Lemke nur dort, wo es keine Dekarbonisierungsalternative gibt - also eher nicht im Verkehr. | Foto: J. Reichel
Alternative, auch im Verkehr? Bundesverkehrsminister Wissing sieht Wasserstoff als gute Ergänzung, Umweltministerin Lemke nur dort, wo es keine Dekarbonisierungsalternative gibt - also eher nicht im Verkehr. | Foto: J. Reichel
Redaktion (allg.)
(erschienen bei VISION mobility von Johannes Reichel)

Das Bundeskabinett hat die Fortschreibung der Nationalen Wasserstoffstrategie beschlossen. Der Beschlussfassung im Kabinett vorausgegangen war eine politische Einigung aller Ressorts, inkl. der fünf Kernressorts für Wasserstoff, konkret des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz, des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz, des Bundesentwicklungsministeriums, des Bundesverkehrsministeriums und des Bundesforschungsministeriums. Die Nationale Wasserstoffstrategie aus dem Jahr 2020 hat grundsätzlich weiter Bestand, werde nun aber mit der Fortschreibung an das gesteigerte Ambitionsniveau im Klimaschutz und die neuen Herausforderungen am Energiemarkt weiterentwickelt, teilte das federführende Bundeswirtschaftsministerium mit.

Sie setzt staatliche Leitplanken für die Erzeugung, den Transport und die Nutzung von Wasserstoff und seinen Derivaten und bündelt die Maßnahmen der Bundesregierung. Eine zuverlässige Versorgung Deutschlands mit grünem, auf Dauer nachhaltigem Wasserstoff sei dabei erklärtes Ziel der Bundesregierung. Für den Markthochlauf werde man aber auch "blauen" Wasserstoff akzeptieren, der aus Erdgas hergestellt wird und bei dem das anfallende CO2 unter die Erde verpresst werden soll, eine umstrittene Technologie - die Deutsche Umwelthilfe (DUH) spricht von einem "massiven klimapolitischen Rückschritt. Habeck dagegen betont: "Wir fördern grün - und nehmen alles." Wenn man die Infrastruktur errichte müsse auch irgendetwas durchlaufen. 

Ein Drittel könnte in Deutschland produziert werden

Habeck rechnet damit, dass Deutschland ungefähr ein Drittel selbst produziere, der Rest aus dem Import komme. Es gebe Pläne für eine Pipeline aus Norwegen, wie auch Portugal und Spanien über Frankreich. Auch eine Trasse aus Nordafrika nach Italien und Süddeutschland ist in der Debatte. 1.800 Kilometer Leitungen sollen bis 2027/28 entstehen, als Anbindung großer Abnehmer wie Chemie- und Stahlindustrie, die ohne Wasserstoff die Defossilisierung nicht schafffen wird. Just übergab man einen Förderbescheid in Nordrhein-Westfalen an Thyssen-Krupp über zwei Milliarden Euro zur Umrüstung des Stahlwerks in Duisburg auf Wasserstoff.

„Mit der Fortschreibung der Nationalen Wasserstoffstrategie setzen wir den Rahmen für die neue Phase im Wasserstoffmarkthochlauf, die wir seit dem Regierungsantritt konsequent eingeleitet haben: Von Forschung und Demonstration hin zur großskaligen Produktion. Investitionen in Wasserstoff sind eine Investition in den Klimaschutz, in qualifizierte Arbeitsplätze und die Energieversorgungssicherheit. Diesen Investitionen gibt die Fortschreibung der Wasserstoffstrategie eine verlässliche Grundlage. Zur erfolgreichen Umsetzung der Strategie arbeiten wir außerdem aktuell mit Hochdruck an der Schaffung der erforderlichen Infrastruktur", erklärte Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne).

Als fehlendes Puzzleteil der Energiewende, sieht Bundesministerin für Bildung und Forschung, Bettina Stark-Watzinger (FDP) das Element. Damit könne Energiesicherheit, Klimaneutralität und Wettbewerbsfähigkeit verbunden werden. Man wolle mehr Klarheit und Planungssicherheit für die Wasserstoffwirtschaft im In- und Ausland schaffen und allen Sektoren gleichermaßen Zugang zu Wasserstoff geben.

"Ähnlich pragmatisch und technologieoffen haben wir entschieden, dass wir zunächst alle klimafreundlichen Wasserstoffsorten einsetzen wollen", ergänzte Watzinger.

Die Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz, Steffi Lemke (Grüne): "Wasserstoff ist ein wesentlicher Bestandteil der Energiewende und unverzichtbar für einen erfolgreichen Klimaschutz. Wichtig ist, dass wir den Markthochlauf von Wasserstoff von Beginn an nachhaltig und umweltfreundlich ausgestalten. Zudem sollten wir Wasserstoff effizient und wirtschaftlich klug dort einsetzen, wo es keine besseren Möglichkeiten für die Dekarbonisierung gibt. Daher hat sich die Bundesregierung in der Fortschreibung der Nationalen Wasserstoffstrategie das Ziel gesetzt, eine zuverlässige Versorgung Deutschlands mit grünem, auf Dauer nachhaltigem Wasserstoff zu erreichen sowie sich zu ambitionierten Nachhaltigkeitsstandards für Wasserstoff und seine Derivate bekannt, sowohl für die inländische Produktion, aber gerade auch für Importe."

Fairer als bei den Fossilen: Weltmarkt klug aufziehen

Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) betonte, der Weltmarkt für Wasserstoff müsse fair sein und "damit anders als es die fossile Weltwirtschaft je war". Deutschlands Botschaft an die Partnerländer sein, dass man nicht nur verlässlich Wasserstoff importieren, sondern mithelfen wolle, dass die neuen Wasserstoff-Lieferketten auch zu guter, nachhaltiger Entwicklung führen.

"Wo Wind- und Sonnenstrom für Wasserstoff produziert wird, wird gleichzeitig die Energiewende vor Ort vorangetrieben und die lokale Bevölkerung mit Strom versorgt. Und wo Meerwasser für Wasserstoff entsalzt wird, wird auch die nächste Stadt mit Trinkwasser versorgt. Aus Entwicklungsperspektive ist dabei klar: Wasserstoff aus erneuerbaren Energien ist nicht nur die beste Wahl für die Umwelt, er führt als günstige heimische Energiequelle auch zu besserer Entwicklung im globalen Süden. Wir werden daher unsere Partnerländer dabei unterstützen, mit ihrem fairen Anteil am neuen Weltmarkt für Wasserstoff zu partizipieren", betonte Schulze.

Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) sieht Wasserstoff und seine Derivate auch als wichtigen Baustein für eine nachhaltige klimafreundliche Mobilität und sinnvolle Ergänzung anderer alternative Antriebsformen. Der Einsatz im Verkehrssektor trage zudem aus seiner Sicht zur notwendigen Skalierung der Wasserstoffwirtschaft bei, deutete Wissing an, wobei in dem Papier selbst vieles auf den Siegeszug der batterieelektrischen Mobilität im Pkw hindeutet. Für Schwerlaster, Schifffe oder Flugzeuge gebe es keine Alternative zu Wasserstoff, betonte Wissing. In der Strategie sind demnach viele wichtige Maßnahmen für den Verkehr enthalten, wie der Aufbau eines Grundnetzes an Wasserstoff-Tankstellen, die Förderungen von erneuerbaren Kraftstoffen oder die Schaffung der erforderlichen Rahmenbedingungen.

"Damit wollen wir den Einsatz von Wasserstoff und den daraus hergestellten Kraftstoffen sowie die Verfügbarkeit von Brennstoffzellenfahrzeugen, Brennstoffzellenkomponenten und -systemen samt der benötigten Infrastrukturen zielgerichtet vorantreiben", so Wissing weiter.

Die Maßnahmen der Fortschreibung umfassen die gesamte Wertschöpfungskette, wurden vielfach bereits parallel zur Erarbeitung der Fortschreibung der Strategie begonnen oder sind kurzfristig für das Jahr 2023, mittelfristig für die Jahre 2024/2025 sowie teilweise bereits langfristig bis 2030 geplant. Mit den Maßnahmen soll das folgende Zielbild umgesetzt werden:

  • Beschleunigter Markthochlauf von Wasserstoff: Der Markthochlauf von Wasserstoff, seinen Derivaten und Wasserstoffanwendungstechnologien wird deutlich beschleunigt und das Ambitionsniveau entlang der gesamten Wertschöpfungskette massiv gesteigert.
  • Sicherstellung ausreichender Verfügbarkeit von Wasserstoff und seiner Derivate: Das Ziel für heimische Elektrolysekapazität im Jahr 2030 wird von 5 GW auf mindestens 10 GW erhöht. Der restliche Bedarf wird durch Importe gedeckt. Eine gesonderte Importstrategie wird entwickelt.
  • Aufbau einer leistungsfähigen Wasserstoffinfrastruktur: Von besonderer Bedeutung ist die Schaffung der notwendigen Wasserstoffinfrastruktur. Hierfür hat das Bundeskabinett Ende Mai mit der aktuellen Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) den rechtlichen und regulatorischen Rahmen für das zukünftige Wasserstoff-Kernnetz für Deutschland als erste Ausbaustufe der Wasserstoffinfrastruktur beschlossen. Bis 2027/2028 wird über die IPCEI-Förderung ein Wasserstoffstartnetz mit mehr als 1.800 km umgestellten und neu gebauten Wasserstoffleitungen in Deutschland aufgebaut; europaweit kommen ca. 4.500 km hinzu (European Hydrogen Backbone). Mittels Erweiterung werden bis 2030 alle großen Erzeugungs-, Import- und Speicherzentren mit den relevanten Abnehmern verbunden.
  • Etablierung von Wasserstoffanwendungen in den Sektoren: Bis 2030 werden Wasserstoff und seine Derivate insbesondere bei Anwendungen in der Industrie, bei schweren Nutzfahrzeugen sowie zunehmend im Luft- und Schiffsverkehr eingesetzt. Im Stromsektor trägt Wasserstoff zur Energieversorgungssicherheit bei; durch auf klimaneutrale Gase umrüstbare Gaskraftwerke (H2-ready) und durch systemdienliche Elektrolyseure, insbesondere als variable und systemdienliche Stabilisatoren bzw. flexible Lasten. Zur perspektivischen Nutzung von Wasserstoff bei der zentralen und dezentralen Wärmeversorgung werden die Rahmenbedingungen aktuell im GEG, in der Wärmeplanung sowie im europäischen Gasmarktpaket weiterentwickelt.
  • Deutschland wird bis 2030 Leitanbieter für Wasserstofftechnologien: Deutsche Anbieter bauen ihre Technologieführerschaft aus und bieten die gesamte Wertschöpfungskette von Wasserstofftechnologien von der Produktion (z. B. Elektrolyseure) bis hin zu den unterschiedlichen Anwendungen (z. B. Brennstoffzellentechnologie) an.
  • Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen: Kohärente rechtliche Voraussetzungen auf nationaler, europäischer und möglichst auch internationaler Ebene unterstützen den Markthochlauf. Dies umfasst insbesondere effiziente Planungs- und Genehmigungsverfahren, einheitliche Standards und Zertifizierungssysteme, ausreichend ausgestattete und auf allen Ebenen koordinierte Verwaltung.
  • Importstrategie: Zudem arbeitet die Bundesregierung seit Beginn der Legislaturperiode mit Nachdruck daran, die Verfügbarkeit von Wasserstoff neben dem Hochfahren der heimischen Produktion durch Importe aus Partnerländern abzusichern. Hierfür wird parallel eine Importstrategie für Wasserstoff und seine Derivate erarbeitet. Darin werden auch Nachhaltigkeitskriterien im Sinne der globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung berücksichtigt. Die Importstrategie wird das Signal an Partnerländer senden, dass Deutschland weltweit Kooperationen eingehen, verlässliche Lieferketten nach Deutschland ermöglichen, nachhaltige Standards etablieren und als Technologiepartner zur Verfügung stehen will. In diesem Frühjahr hat die die Bundesregierung sich bereits mit Norwegen auf die langfristige Versorgung mit Wasserstoff verständigt.
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