Digitale Logistik: harter Verdrängungskampf

Alle Branchengrößen wollen schnellstmöglich Marktanteile erobern und pumpen Milliarden in Startups statt, wie früher, in Technologien. Die so finanzierten Jungfirmen brauchen zum Wachstum dringend Partner – für etablierte Transporteure wie Logistiker zugleich Chance und Risiko.

Fängt an zu leuchten: Das ganz große Geschäft um schnelles Wachstum im digitalen Frachtwesen | Abb.: Robin Lieck (pic-matic) auf Pixabay
Fängt an zu leuchten: Das ganz große Geschäft um schnelles Wachstum im digitalen Frachtwesen | Abb.: Robin Lieck (pic-matic) auf Pixabay

Die vierte Jahresstudie der Strategieberatung Oliver Wyman ergab: Weltweit kämpfen Transportakteure um Vormachtstellung und erhöhen die Einsätze. Allein 2019 pumpten sie bisher unerreichte 13,8 Milliarden US-Dollar (12,34 Milliarden Euro) in Startups, deren Digitaltechnik etablierte Logistikplayer herausfordert. Das sind 18 Prozent mehr als im Vorjahr.

Doch statt auf neue Technologien, so die Studie, ziele die Logistikbranche nunmehr auf schnellst- und größtmögliche Marktgewinne. Für etablierte Transport- und Logistikunternehmen bringe dies Risiken und Chancen zugleich, da die Startups für dringend schnelles Wachstum unbedingt marktstarke Partner brauchen.

Schlagzahl steigt, Geldfluss auch

Massive Investitionen in Startups zeigen laut Studie: Logistik digitalisiert sich immer schneller und zieht immer mehr Geld an, so Joris D‘Incà, Partner und Logistikexperte bei OIiver Wyman:

„Auffällig ist vor allem der Anstieg von Finanzierungen zwischen 100 Millionen und einer Milliarde Dollar [89,43 bis 890 Millionen Euro].“

Von 2018 auf 2019 stieg die Zahl solcher Großinvestitionen von zwölf auf 27, ergänzt Max-Alexander Borreck, Principal bei Oliver Wyman:

„Die immer größeren Mittelzuflüsse dienen in erster Linie dem zügigen Sichern von Marktanteilen. Oft entspringt das einer Winner-takes-it-all-Logik der Geldgeber.“

Europa hinkt hinterher

Aggressiv-expansive Startups aus China und den USA heizen laut Studie den Verdrängungskampf besonders an. Vierzehn der 30 Startups, die 2019 mindestens 100 Millionen Dollar (89,43 Millionen Euro) einsammelten, waren amerikanisch. Fünf kamen aus China.

Aus Deutschland schaffte es die Berliner Landverkehrsplattform Sennder unter die Top 30, ebenso wie die einzigen weiteren Europäer Glovo (Spanien) und Relex Solutions (Finnland).

Startups (noch) keine Konkurrenz

Trotz ihrer Aggressivität werden Startups die etablierten Logistikplayer vorerst nicht verdrängen, so Borreck:

„Die Winner-takes-it-all-Strategie der Investoren wird sicher in vielen Fällen nicht aufgehen.“

Denn in Eigenregie digitalisieren auch klassische Spediteure ihr Kerngeschäft, ergänzt D’Incà:

„Das Speditionsgeschäft lässt sich nicht zu 100 Prozent automatisieren, da sind auch künftig menschliche Problemlösungskompetenz und Spezialwissen gefragt.“

Gefahr durch „digitale Platzhirschen“

Im Auge behalten sollten etablierte Speditionen und Transporteure die „digital incumbents“, also digitale Platzhirschen, die bereits internationale Logistik-Netzwerke aufbauen konnten und in ihren Heimatmärkten gegen etablierte Logistiker bestehen.

Den Online-Platzhirschen im Nacken sitzen gut finanzierte Herausforderer („challenger“), die mit globalem Ehrgeiz zu ihnen aufschließen und für D’Incà ebenfalls ins Blickfeld der Etablierten gehören:

„Challenger zeichnen sich durch solide Finanzierung, differenzierende Technologie und ein Portfolio an starken Kunden- und Partnerschaftsbeziehungen aus.“

Hinter solchen Herausforderern folgen rund 200 Neulinge („rookies“). Jeder einzelne von ihnen hat laut Studie mindestens 25 Millionen US-Dollar (22,36 Millionen Euro) an Kapital gesammelt und vielversprechende technische oder kommerzielle Piloten gestartet.

In China sieht die Studie zwei digitale Platzhirschen im eCommerce-Umfeld: Cainiao aus dem Alibaba-Ökosystem und JD Logistics, die Tochter des Onlinehändlers JD.com. Als Herausforderer träten derweil 20 US-amerikanische, sechs chinesische und vier indische Unternehmen auf. Challenger aus Europa seien allein Sennder und Transporeon.

Erfolgsrezept Kooperation

Da die Verdrängung so schnell läuft, empfiehlt D’Incà den etablierten Logistikern, strategisch sinnvoll mit digitalen Herausforderern zusammenzuarbeiten:

„Eine Partnerschaft lohnt sich für etablierte Logistiker, wenn sie hilft, die Digitalisierung des Kerngeschäfts zu beschleunigen.“

Es sei aber sicherzustellen, warnt D‘Incà im Nachgang, dass in jeder Kooperation mit Challengern die zentrale Schnittstelle zum Kunden unter Kontrolle bleibt.

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