Bundesrat blockiert Reform des Straßenverkehrsrechts - schwerer Schlag für Kommunen

Die Unions-Länder blockieren plötzlich: Agora und der Deutsche Städtetag kritisieren die Ablehnung der Reform durch den Bundesrat. Man sieht darin ein fatales Signal an Kommunen und Gesellschaft. Die Vorschläge seien ohnehin ein lange verhandelter Minimalkompromiss gewesen, kein großer Wurf.

Ausgebremst: Maßnahmen wie erleichtere Einführung von Tempo 30-Zonen in sensiblen Bereichen zählten auch zum Umfang der geplanten Reform. Die liegt jetzt wieder auf Eis. | Foto: ADAC
Ausgebremst: Maßnahmen wie erleichtere Einführung von Tempo 30-Zonen in sensiblen Bereichen zählten auch zum Umfang der geplanten Reform. Die liegt jetzt wieder auf Eis. | Foto: ADAC
Redaktion (allg.)
(erschienen bei VISION mobility von Johannes Reichel)

Der Berliner Thinktank Agora Verkehrswende hat in einer allerersten Reaktion auf die überraschende mehrheitliche Ablehnung der Reform des Straßenverkehrsgesetzes (StVG) und der Straßenverkehrsordnung (StVO) im Bundesrat massive Kritik an der Haltung mancher Länder geäußert. Die Reform war unerwartet durch die Blockade unionsgeführter Länder wie Bayern gescheitert. Der Bundesrat hatte zuvor einhellig eine noch weitergehende Reform gefordert hatte. In der sollte etwa auch die "Vision Zero", das Ziel "Null Verkehrstote" gesetzlich verankert werden. Zudem plädierten sie für soziale Kriterien bei Parkgebühren. Jetzt heißt es zur Begründung der Ablehnung: Das Ziel der Sicherheit im Verkehr dürfe nicht aufgeweicht werden durch andere Ziele wie Klimaschutz.

„Das Scheitern der geplanten Reform des Straßenverkehrsgesetzes (StVG) und ihrer Umsetzung in der Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) im Bundesrat ist ein schwerer Schlag für Städte, Gemeinden und Landkreise", erklärte Christian Hochfeld, Direktor von Agora Verkehrswende.

Die Reform sei auf kommunaler Ebene parteiübergreifend unterstützt worden, doch am Ende hätten sich offenbar parteipolitische Interessen auf Bundes- und Länderebene durchgesetzt. Das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Demokratie und die Handlungsfähigkeit von Politik und Verwaltung werde dadurch beschädigt, warnt Hochfeld. Kommunen seien essentiell für die Gestaltung der Mobilität und des öffentlichen Raum vor Ort. Sie bräuchten dafür aber die notwendigen Handlungsspielräume im gesetzlichen Rahmen.

"Der geltende Rechtsrahmen gilt jedoch schon seit Langem als großes Hindernis für bessere Mobilität und lebenswerte Städte. Durch das Scheitern der Reform sind die Handlungsspielräume der Kommunen bei zahlreichen Vorhaben zur Verbesserung von Gemeinwohl und Lebensqualität weiterhin stark eingeschränkt", monierte Hochfeld weiter.

Zeitraubende bürokratische Verfahren und Rechtsunsicherheit überlasteten kommunale Verwaltungen, die ohnehin oft nicht über genug Personal verfügen. Notwendige Transformationsprozesse hin zu einer sicheren, gesunden und modernen Mobilität für alle Menschen sieht der Agora-Chef so weiter ausgebremst.

"Bei den vorgeschlagenen Änderungen an StVG und StVO handelt es sich schon um einen langwierig verhandelten Minimalkompromiss, der aus Sicht vieler Kommunen viel weitergehend sein müsste", kritisiert Hochfeld weiter.

Auch der Deutsche Städtetag kritisiert, dass die Reform des Straßenverkehrsgesetzes im Bundesrat gescheitert ist. Bund und Länder müssten jetzt schnell Lösungen finden, wie die Reform doch noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden kann.

"Ohne ein modernes Straßenverkehrsgesetz wird die Verkehrswende in den Städten ausgebremst. Die geplante Reform war zwar noch nicht der große Wurf, den die Städte sich gewünscht hatten. Aber sie wäre ein erster Schritt, den Städten mehr Entscheidungsspielraum zu geben bei der Verkehrsplanung und Verkehrssteuerung vor Ort", erklärte dazu sagte Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages.

Der richtige Weg wäre gewesen, den Reformentwurf im Vermittlungsausschuss noch nachzubessern und den Städten mehr Entscheidungsfreiheit einzuräumen. Stattdessen hat der Bundesrat die Mobilitätswende vor Ort erst einmal auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Bund und Länder müssten sich jetzt zusammenraufen und möglichst schnell eine Lösung finden, wie die Reform zügig noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden kann. Eine Reform des Straßenverkehrsgesetzes mit mehr Gestaltungsfreiheiten für die Städte wäre ein Baustein zur Verkehrswende, der Bund und Länder praktisch nichts kostet, findet Dedy.

Pragmatische Lösungen gefragt

Das wäre auch nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Bundeshaushalt ohne Probleme möglich. Wenn die Städte zum Beispiel selbst und ohne komplizierte Verfahren entscheiden könnten, wo sie Tempo 30 einführen, braucht man dafür keine Milliarden. Und trotzdem ist es ein Beitrag zum Klimaschutz, zur Verkehrssicherheit und zum Gesundheitsschutz, der sich vor Ort schnell umsetzen lässt.

"Das sind die pragmatischen Lösungen, die wir jetzt nach dem Verfassungsgerichtsurteil zum Klima- und Transformationsfonds brauchen."

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) kritisierte die Ablehnung und nannte die Vorwände unverständlich. Die Reform würde gerade die Verkehrssicherheit verbessern. "Dann hat der Bundesrat eine Möglichkeit einer bescheidenen Reform verstolpert", monierte der Grüne Minister. Er hält die neuen Regeln für überfällig, man habe Jahre an dem Kompromiss gearbeitet. Nach seinem Dafürhalten hätte auch ein Vermittlungsausschuss keine bessere Lösung finden können, den die Bundesregierung nun anrufen könne.

Agora-Chef Hochfeld erklärte, nach der Vereinbarung im Koalitionsvertrag hätten sich Kommunen fest auf eine Reform des Straßenverkehrsrechts eingestellt. Die ergänzten Ziele im Straßenverkehrsgesetz hätten Maßnahmen zur Verbesserung des Klimaschutzes, der Verkehrssicherheit, der Aufenthaltsqualität und der Mobilität ohne eigenes Auto erleichtert, glaubt der Mobilitätsfachmann. Entsprechende Maßnahmen entstammten zudem nicht dem Interesse einzelner Parteien, sondern werden bereits fortlaufend auf kommunaler Ebene mit demokratischen Mehrheiten beschlossen. Letztendlich gehe es vor allem darum, den Kommunen endlich mehr Entscheidungsspielräume zu gewähren und Rechtssicherheit für eine zukunftsorientierte Verkehrspolitik zu schaffen.

"Die heutige Entscheidung wirft alles wieder auf Anfang zurück. Die Kommunen müssen sich weiter mit einer höchst unbefriedigenden Rechtslage herumschlagen. Die heutige Blockade der Reform kann nur temporär sein. Eine Politik, die die realen Probleme der Kommunen anpackt, wird die längst überfällige Reform wieder auf die Tagesordnung setzen müssen", appellierte Hochfeld.

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