Bikoholics treffen Stadt-Logistiker

„Letzte Meile: Professionell zustellen mit Lastenrädern“ so lautete die Überschrift zu einem Think Tank der im Huss Verlag erscheinenden Zeitschrift Vision Mobility im Rahmen des 7. Smart City Logistik Kongress. Hochkarätige Referenten wurden gewonnen, es entwickelten sich spannende Diskussionen rund ums Thema Lastenfahrrad. Gefragt sind Problemlösungen zum Thema Mini-Hub und zur Haltbarkeit und den Kosten von Lastenfahrrädern. Der Markt entwickelt sich rasant.

Stimmungsvoller Veranstaltungsort: Der Innenhof des Residenzschloss Heidecksburg im thüringischen Rudolstadt als E-Cargo-Bike-Messe. Foto: rod
Stimmungsvoller Veranstaltungsort: Der Innenhof des Residenzschloss Heidecksburg im thüringischen Rudolstadt als E-Cargo-Bike-Messe. Foto: rod
Robert Domina

„Du musst schon ein echter ‚Bikoholic‘ sein, wenn du in diesem Markt weiterkommen willst“,

konstatiert Referent, Fahrradkurier-Unternehmer und Fahrrad-Entwickler Martin Schmidt. Mit seinem Startup Cycle Logistics CL ist er einer der bekannteren Pioniere der Szene. Er sagt: „Wir müssen umdenken. Der Auto-Verkehr in den Städten steckt fest, das Lastenfahrrad ist flexibel, schnell, benötigt weniger Verkehrsraum.“

Klar, alles was schmaler als einen Meter ist, kann kurzzeitig auf Gehwegen parken, die zweite Reihe der Straße wird so nicht blockiert, wie so oft bei den üblichen 3,5-Tonnern der konventionellen Paket-Logistiker zu beobachten. Das Problem ist nur: Mit dem Lastenrad ist die Anzahl der Pakete, deren Gewicht und Volumen beschränkt. Raimund Rassilier, bringt es in seinem Vortrag auf den Punkt: „ Schon heute ersetzen wir mit einem Cargo-Bike einen Transporter.“ Äh – Moment: Wie soll das gehen, wenn ein Cargo Bike maximal ein Viertel eines herkömmlichen Transporters transportieren kann? Das sei schon richtig, so Rassilier, denn der Zeitaufwand für vier Fahrten des Cargo-Bikes sei nicht größer als eine Tour mit dem 3,5-Tonner Transporter.

Derlei Zahlenspiele funktionierten freilich nur, wenn ein Zwischenlager, neudeutsch „Hub“ in der Nähe das Cargo-Bike mit Nachschub versorgt. Und genau hier liegt eine der Haupt-Problematiken der Cargo-Bike-Logistiker: Der Mini-Hub. Hier einen geeigneten Stützpunkt zu finden, ist eine Herausforderung. Einfach eine leere Halle oder ein paar Boxen in einem Parkhaus zu mieten, ist da noch nicht die Lösung. Die Zufahrten müssen stimmen, Stromanschlüsse, Hebezeuge für den Umschlag sind bereitzustellen, et cetera et cetera. Und dann soll die Location auch noch da liegen, wo die Kundschaft ist, nämlich mitten im Ballungsgebiet oder Stadtzentrum. Keine leichte Aufgabe also, das richtige Umfeld für den Einsatz der Cargo-Bikes zu finden.

Genau in dieser Aufgabe, dem Finden und Ausrüsten von City-Logistik-Hubs sieht Raimund Rassilier eine der Haupt-Aufgaben seiner Firma Eco-Carrier. Dazu die Bereitstellung des Sendungsaufkommens plus eines Back-Office mit viel Know-How in Logistik und schließlich die Bereitstellung von geeigneten Lastenfahrrädern.

Und das ist eine weiterer Knackpunkt: Wie muss ein geeignetes Lastenfahrrad aussehen?

Glaubt man dem dritten Referenten Thomas Herzog, Key Account Manager bei VSC Bike, ist zum Beispiel ein E-Antrieb nicht unbedingt zwingend notwendig. Wer in brettebenen Fabrikhallen nur mit ein paar Akten im Lenker-Körbchen seine Kilometer macht, braucht keinen teuren E-Antrieb samt schwerem Akku. Wird’s schwerer, kann VSC-Bike auf seine eigene Antriebsentwicklung Namens Pendix samt Elektronik-Abteilung Herms Technologies zurückgreifen. Kunden hierfür sind etwa die Deutsche und Österreichische Post und zahlreiche weitere Logistik-Anbieter. Für Thomas Herzog gibt es in Zeiten knapper Rohstoffe und eines boomenden E-Bike-Marktes nun zusätzlich Nachschub-Probleme an allen Ecken und Enden. Die Lieferkette kam in Pandemiezeiten gehörig ins Stottern – auch das ein Problem, das die Branche derzeit stark beschäftigt.

Positiv stellen die Experten dagegen fest: Die Qualität der Cargo-Bikes hat sich rasant verbessert. Wegen Überlastung eingeknickte Fahrradfelgen gehören mittlerweile weitestgehend der Vergangenheit an. Die Konstrukteure haben verstanden, dass das Einsatzspektrum eines Lastenfahrrads sehr vielschichtig und vor allem sehr hart sein kann. Der Hauptfeind ist die Bordsteinkante und der oft sehr hohe Schwerpunkt, der in Kurven beherrscht sein will. Damit Umfaller vor allem bei dreirädrigen Konstruktionen nicht mehr vorkommen, hat sich mittlerweile die Neigetechnik bewährt. Um den unguten „Beiwagen-Effekt“ bei Kurvenfahrt zu minimieren, verbindet man eben den einrädrigen Vorderbau nicht mehr starr mit der Hinterachse, sondern fexibel (siehe Bilder). Das bringt enorme Kurvenstabilit auch bei hohen Schwerpunkten, und das Vorderrad wird in der richtigen Richtung belastet. Nachteil: Genau dort, wo der Rahmen am stärksten belastet ist, nämlich in der Mitte zwischen Vorderrad und Hinterachse, muss der Zentralrohr-Rahmen beweglich sein – auch das eine Herausforderung in Sachen Stabilität und Haltbarkeit.

Dass eine Kette oder ein Zahnriemen hier zur Übertragung der Pedalkräfte nicht mehr taugen kann, hat hier übrigens zur Entwicklung der „E-Kette“ geführt: Die Pedale treiben hier einen kleinen Generator an. Es wird eine Spannung erzeugt, die per einfach zu verlegendem Kabel die gewünschte Krafteinleitung nach hinten an die Antriebsachse meldet. Eine Leistungselektronik steuert den Fahrwunsch dann entsprechend in den Antrieb ein.

Martin Schmidt von Cycle Logistics, Berlin ging auch – belegt mit drastischen und durchaus erheiternden Beispielbildern - auf die Tücken der großstädtischen Infrastruktur ein. Widersprüchliche Verkehrszeichen, untaugliche Wegemarkierungen, die Liste der Fails ist hier lang, Abhilfe dringend nötig, wenn Cargo-Bikes sicher vorankommen sollen.

Für Stadt-Logistiker war dieser zweitägige von Dako als Konsortialführer veranstaltete „7. Smart City Logistik Kongress“ eine wertvolle Veranstaltung. Ein aufwändiges Hygiene-Konzept ermöglichte es, diesen Kongress auch in Pandemie-Zeiten als Präsenzveranstaltung durchzuführen. Und das in einem der schönsten Ambiente Thüringens, dem Residenzschloss Heidecksburg in Rudolstadt.

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