Bahnstreik: Die Achillesferse des Schienentransports

Ruiniert der erneute Bahnstreik dem Schienenverkehr den Ruf? Der DSLV Bundesverband Spedition und Logistik befürchtet nicht nur Verzögerungen in den Lieferketten, sondern auch deutliche Preissteigerungen. Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt macht sich indes bereit, den Transport zu übernehmen.

Symbolbild: Deutsche Bahn AG / Oliver Lang
Symbolbild: Deutsche Bahn AG / Oliver Lang

Mit ihrer für Samstag ab 17:00 Uhr angekündigten Fortsetzung des Arbeitskampfes im Güterverkehr trifft die Gewerkschaft der Lokführer nicht nur ihren Tarifpartner, die Deutsche Bahn AG, sondern schädigt das System Schiene insgesamt - meint der DSLV Bundesverband Spedition und Logistik. Er befürchtet deshalb, dass die zuletzt positiven Entwicklungen im Schienengüterverkehr durch die Streikaktionen zunichte gemacht werden. Das zwischen Speditionen, Industrieverladern und Eisenbahnverkehrsunternehmen über einen langen Zeitraum aufgebaute Vertrauen in Qualität und Zuverlässigkeit der Schiene könnte nachhaltig zerstört werden, so der DSLV weiter. Die Verlagerung von Gütern auf die Bahn sei eine wesentliche Säule der Verkehrswende - mit wiederkehrenden Arbeitsniederlegungen würden somit auch Nachhaltigkeitsziele bedroht.

Streiks bleiben offensichtlich eine Achillesferse des Systems Schiene", so DSLV-Präsident Axel Plaß.

Auch bei vollem Zugeständnis der Rechtmäßigkeit von Tarifauseinandersetzungen und bei allem Verständnis für Arbeitnehmerinteressen: diese Form des Arbeitskampfes sei ein massiver Eingriff in die Rechtsgüter unbeteiligter Dritter mit negativen Auswirkungen nicht nur auf nationale, sondern auch auf internationale Beschaffungs- und Absatzwege sowie Produktionsprozesse - und das zu einer Zeit ohnehin bereits äußerst angespannter Lieferketten und Versorgungsengpässe für Industrie und Handel.

Eine gewaltige Herausforderung

Speditionen würden Massenguttransporte jetzt so weit wie möglich auf die Binnenschifffahrt verlagern und zeitkritische Güter auf den Lkw umdisponieren müssen - bei ohnehin knappen Laderaumkapazitäten. Auch private Eisenbahnverkehrsunternehmen würden durch den Streik behindert und könnten nur eingeschränkt arbeiten. Wo Züge noch rollen, zeigen sich die positiven Effekte des Wettbewerbs auf der Schiene.

Damit die Güterversorgung von Industrie und Handel so weit wie möglich aufrechterhalten werden kann, arbeiten die Speditionshäuser mit Hochdruck an Ersatzlösungen.

„Die Logistikbranche und ihre Kunden müssen sich jetzt gewaltigen Herausforderungen stellen, denen sie sich aber in der Vergangenheit in vergleichbaren Streiksituationen größtenteils gewachsen zeigten", sagt Plaß.

Ganz ähnlich sieht es Bundesminister Andreas Scheuer:

„Nach vielen Corona-Monaten sind die Fahrgäste zuletzt endlich wieder in die Bahn gestiegen. Dass wir all diese Menschen jetzt wieder um Geduld bitten müssen, weil viele Züge streikbedingt nicht fahren werden, ist ein Rückschlag. Auch die Lieferketten haben wir unter größten Anstrengungen seit über einem Jahr stabil gehalten. Durch diesen Streik verschärft sich die angespannte Rohstoffsituation für die deutsche Wirtschaft noch zusätzlich. Ich kann nur an beide Seiten appellieren, die positive Entwicklung nach der langen Covid-Durststrecke nicht durch einen langwierigen Tarifkonflikt wieder zunichte zu machen. Die Lage ist wirklich besorgniserregend. Deshalb meine dringende Bitte an beide Seiten: zurück an den Verhandlungstisch!“

Für den DSLV ist klar: Trotz aller Anstrengungen werden massive Verzögerungen in der Supply Chain, die weit über das System Schiene hinausgehen, viele Logistikkunden treffen. Gleichzeitig werde der organisatorische Zusatzaufwand die Kosten deutlich in die Höhe treiben.

„Durch die politische Unterstützung befand sich der Schienengüterverkehr in dieser Legislaturperiode im Aufwind - jetzt folgt ein Abriss der Strömungskante! Die zu befürchtenden Auswirkungen zeigen, wie unverhältnismäßig der Arbeitskampf einer Spartengewerkschaft an zentralen Hebeln nicht nur eines Unternehmens, sondern eines gesamten Verkehrssystems ist", so das Fazit des DSLV-Präsidenten.

Gut gewappnet sieht sich hingegen die Alternative zur Schiene: Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt e.V. (BDB) wirbt für eine stärkere Vernetzung der Güterverkehrsträger unter Einbeziehung der Binnenschifffahrt.

„Die Trimodalität im Transportsektor garantiert, dass jeder einzelne Verkehrsträger, Straße, Schiene oder Wasserstraße, seine individuellen Stärken und Vorteile bei der Abfertigung des stetig ansteigenden Güteraufkommens einbringen kann. Dieses System kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, auch bei besonderen Ereignissen wie beispielsweise Streiks oder größeren Schäden an Infrastrukturen, die Lieferketten im Güterverkehr bestmöglich aufrecht zu erhalten“, betont BDB-Präsident Martin Staats (MSG, Würzburg).

Im Rahmen der letzten Arbeitsniederlegung bei der Güterbahn in der ersten Augusthälfte wurden nach Angaben der DB rund 300 Güterzüge ausgebremst (wir berichteten) und Lieferketten aus dem Gleichgewicht gebracht.

„Die Binnenschifffahrt steht als zuverlässiger Partner bereit, um kurz-, mittel- und langfristig mehr Gütermengen zu übernehmen und somit Lieferengpässe zu vermeiden“, so Staats.

Der BDB-Präsident betont, dass es nicht darum geht, der Güterbahn in dieser Situation Kunden abzuwerben, sondern dass der aktuelle Anlass genutzt werden sollte, über verbesserte Logistikkonzepte unter Einbeziehung aller Verkehrsträger nachzudenken.

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