Auf den Hund gekommen

Wie viele andere kämpft das Transportunternehmen um gutes Personal. Bei der Suche helfen die sozialen Medien und eine Pudeldame.

Dieser Pudel hilft der Spedition Schlicker beim Rekruting von Mitarbeitern. Bild: Michael Sudahl
Dieser Pudel hilft der Spedition Schlicker beim Rekruting von Mitarbeitern. Bild: Michael Sudahl
Redaktion (allg.)
Spedition Schlicker

Lou ist eine Pudeldame. Schwanzwedelnd schnüffelt sie Besucher an, stromert zwischen Schreibtischen herum oder plumpst auch mal in einen Karton hinein. Mit ihren zwei Monaten ist die junge Hündin der Instagram-Star der Spedition Schlicker in Thierhaupten. Auf dem Schoß von Frauchen Manuela Schlicker sitzend, hechelt sie in die Kamera. Herzzerwärmend. 60 Herzchen hat der bayerische Bürohund auf dem Kanal schon gesammelt. 230 Menschen haben das Video geschaut. Sechs sogar kommentiert: „Mega süß“ (Herzchen-Icon), und „Super Video“, schreiben die User.

Mancher mag sich fragen: Wie kommt eine Spedition auf die Idee, so ein Filmchen auf den offiziellen Firmenaccount zu stellen? Das mittelständische Transportunternehmen beschäftigt 70 Menschen und ist im Verteilerverkehr tätig. Doch der wachsende Markt hat seine Tücken. Fachkräfte wie Berufskraftfahrer und Disponenten sind kaum zu finden. Gutes Deutsch sprechen wenige. „Doch das ist notwendig“, sagt Wolfgang Schlicker, der für neun Großkunden an neun Standorten fährt, darunter Rossmann, Birkenhof und Dachser. Der Aktionsradius reicht von Ulm bis Freising und von Donauwörth bis Odelzhausen.

Sozial statt formal

„Notwendig“ sind Deutschkenntnisse und Social Media mit dem Pudel. Das eine ist eine unumstößliche Voraussetzung für Bewerber, das andere transportiert in leicht konsumierbarer Kost die Firmenkultur. Letzteres identifiziert der 50-jährige Chef als wichtigstes Kriterium, um Fachkräfte überhaupt für seinen Betrieb zu interessieren. „Halbseitige Stellenanzeigen in Tageszeitungen bleiben seit Jahren ohne jede Reaktion“, sagt Schlicker. Doch wenn der gelernte Stahlbauschlosser und Versicherungskaufmann bei Facebook und Instagram wirbt, trudeln Anfragen rein.

Auf Formalien wie Lebenslauf oder Zeugnisse, verzichtet Schlicker dabei komplett. Stattdessen finden Interessierte auf den sozialen Plattformen den Aufruf: „Noch nie war ein Jobwechsel so einfach“.

Mit wenigen Klicks können Bewerber Namen und Adresse, Fahrerlaubnis, Referenzen und Wunscheinsatzort in ein Onlineformular tippen und senden. Fertig ist die Bewerbung.

Wer sich zuvor auf der gleichen Seite in 59 Sekunden den künftigen Chef im Kurzvideo anschaut, bekommt einen Eindruck vom Umgang im Betrieb. Schlicker berichtet, er sei Mercedes-Partner und kaufe alle Fahrzeuge beim schwäbischen Hersteller. Wobei er das nicht nach Gutdünken tue, sondern die Fahrer bezüglich Ausstattung mit ins Boot hole. Es entsteht der Eindruck, der Unternehmer bewirbt sich beim potenziellen Fahrer – und nicht umgekehrt.

Durch dieses Bewerber-Management und die Umstellung der Fahrerakquise auf Ansprache in den sozialen Medien, ist es den Thierhauptener Transporteuren gelungen, Zahl und Qualität der Bewerbungen zu steigern. Dass dafür Profis notwendig sind, ist für den Familienbetrieb Teil der Lernkurve. „Anfangs dachte ich, da können uns meine Töchter, die beide Anfang 20 sind, unterstützen“, berichtet Schlicker.

Doch der Versuch der ambitionierten Amateurinnen verfehlte das Ziel. Erst mit Matthias Klügl und seiner Dillinger Agentur SocialMe kommt die Wende. Mit eigener Crew aus Videofilmern, Textern und Social-Media-Managern rückt Klügl den Spediteur ins passende, soziale Licht. In Mehr als 160 Beiträgen alleine auf Instagram sorgt die Agentur für Transparenz.

Es menschelt

Interessierte erfahren via Videointerview, wer die Kollegen sind. Da erzählt etwa Markus Kügler, welchen hohen Stellenwert er als Fahrer im Unternehmen genießt, wie gut die Lkw in Schuss gehalten werden und, dass die Firmenfeiern „legendär“ seien. Interessant für mögliche Bewerber ist der Blick hinter die Kulissen: Lkw-Waschanlage, Dieseltankstelle und sogar die Story, wie sich das Ehepaar Schlicker kennengelernt hat: Manuela lernt bei TNT Speditionskauffrau und arbeitet später als Dispo-Leiterin, Wolfgang ist ihr Dienstleister und schon hat es gefunkt. Es menschelt.

Schlicker fasst den Erfolg zusammen: „Wir bringen über unsere Aktivitäten in den sozialen Medien Emotionen auf die Straße. Dadurch lernen uns die Menschen besser kennen.“ Von Bewerbern, aber auch von Kundenseite, gebe es viel positives Feedback. Und mit aktuell knapp 350 Abonnenten pro Kanal ist die Reichweite ausbaufähig. Der Pudel wird schon dafür sorgen.

Michael Sudahl

◂ Heft-Navigation ▸

Artikel Auf den Hund gekommen
Seite 5 | Rubrik UNTERNEHMEN