„Nutzfahrzeuge sind Trendsetter“

Die IAA Transportation in Hannover bündelt auch in diesem Jahr die Trends der Branche auf einer Plattform. Der Megatrend dabei ist die Dekarbonisierung des Verkehrs. VDA-Geschäftsführer Jürgen Mindel bekennt sich klar zu den Pariser Klimazielen, erklärt, warum reale Messen nicht zu ersetzen sind, wie sich die Messe für andere Branchen öffnet und warum die „Mission Klimaneutralität“ eine Gemeinschaftsaufgabe ist.

"Nachhaltiger Transport wird jetzt Alltag, und vieles von dem, was auf der Messe stehen wird, ist schon auf der Straße oder sehr bald dort zu sehen." Jürgen Mindel, VDA-Geschäftsführer Bild: VDA / Lars Hübner
"Nachhaltiger Transport wird jetzt Alltag, und vieles von dem, was auf der Messe stehen wird, ist schon auf der Straße oder sehr bald dort zu sehen." Jürgen Mindel, VDA-Geschäftsführer Bild: VDA / Lars Hübner
Redaktion (allg.)
Interview

Transport: Nach der Messe ist vor der Messe: Was nehmen Sie rückblickend von der IAA Transportation 2022 mit und was wird sich 2024 ändern?

Jürgen Mindel: Die Begeisterung der Besucherinnen und Besucher sowie der Aussteller, die in den Hallen herrschte, war beeindruckend. Sich nach der Corona-Pause endlich wieder persönlich treffen und austauschen zu können, war besonders – und für die Branche notwendig. 2022 wurde deutlich: Unsere Branche hat den Weg Richtung Klimaneutralität längst eingeschlagen und ist entschlossen, ihren Beitrag dafür zu leisten, dass die Pariser Klimaziele erreicht werden können.

Wir haben gezeigt, dass klimaneutrale und gleichzeitig wirtschaftliche Logistik sowie Transport möglich sind. Und wir wollen den Fokus erweitern, über die eigentliche Nutzfahrzeugindustrie hinaus auf Sektoren wie Energie und insbesondere Infrastruktur. Das hängt alles zusammen, baut aufeinander auf und ermöglicht somit einen nachhaltigen Logistiksektor. Übrigens hatten wir 2022 so viel internationales Publikum wie nie zuvor: 1.400 Aussteller aus 72 Ländern. Diesen Trend wollen wir 2024 fortsetzen.

Seit der letzten IAA Transportation hat sich – auch politisch – viel getan. Was bedeutet das für die Inhalte und Ausrichtung der Messe?

Die Pariser Klimaziele sind für uns und die Branche Leitmotiv. Das ist der Ausgangspunkt. Dafür bieten wir innovative Produkte, die bereits marktreif sind und produziert werden. Das zeigt: Unsere Unternehmen sind bereit und liefern. Das allein reicht nicht: Natürlich muss auch der Rahmen dafür passen. Ich denke hier insbesondere an die Lkw-Ladeinfrastruktur an Fernstraßen, die bisher nur rudimentär vorhanden ist. Insgesamt sind Berlin und Brüssel in Sachen (digitale) Infrastruktur nicht entschlossen genug unterwegs. Hier braucht es mehr Strategie, mehr Monitoring, mehr Nachsteuern. Die Mission Klimaneutralität ist eine Gemeinschaftsaufgabe – ob Industrie, Energieversorger, Kommunen, Regierung oder die Gesellschaft als Ganzes. Wir müssen vernetzt und branchenübergreifend denken und handeln.

Aber ist das auch realistisch?

Wir müssen das schaffen, es gibt keine Alternative. Wir fertigen und liefern die Produkte. Unser größter Hebel für den Klimaschutz ist es, die Innovationen und Technologien zu entwickeln und zu exportieren, die weltweit klimaneutrales Wirtschaften ermöglichen, insbesondere in den wachsenden Regionen dieser Welt. Dieser Blick über die deutschen und europäischen Grenzen hinweg ist ganz entscheidend. Ich denke da auch an den Bereich Wasserstoff. Hier wird es sehr spannende Lösungen geben.

Auf was freuen Sie sich auf der Messe 2024 ganz persönlich am Meisten?

Darauf, dass wir als Branche unsere Innovationsführerschaft unter Beweis stellen und die Vielfalt und Vielzahl der Lösungen für klimaneutrale Mobilität darstellen können. Wir wollen deutlich machen: Mit diesen Produkten kriegen wir das hin! Klar ist: In vielen technologischen Bereichen sind Nutzfahrzeuge Trendsetter und Vorreiter für klimaneutrale Mobilität. Wir haben mit der IAA Transportation eine Plattform, die wir mit einem jungen, diversen und experimentierfreudigen Team sukzessive weiterentwickeln. Das macht mir persönlich sehr viel Spaß.

Die IAA Transportation soll etablierte Konzerne und junge Unternehmen auf einer Plattform vereinen. Wie soll das gelingen?

Wir wollen einen Mix der Ausstellergruppen. Start-ups sollen auch neben größeren Anbietern stehen. Damit haben wir bereits 2022 angefangen und so die klassische Hallenplanung und -aufteilung aufgebrochen, in der jeder große Hersteller seinen festen Platz hatte und solitär stand. Dieser Mix kommt speziell bei jungen Unternehmen sehr gut an. Für diese ist die Messe natürlich eine erstklassige Kontaktbörse. Und im Umkehrschluss ist es für etablierte Unternehmen eine große Chance, Ideen und Inspirationen von Start-ups aufzugreifen.

Und das Spektrum der Unternehmen wird mit vielen Start-ups auch breiter, oder?

Ja, wir wollen auch Hersteller von Lastenrädern, von Ladeinfrastruktur, von Last-Mile-Lösungen oder Leichtelektrofahrzeugen integrieren. Klar ist: Wir zielen auf die klassische Nutzfahrzeugindustrie, aber auch darüber hinaus ab. Dieser Ansatz zeichnet die IAA Transportation aus.

Neben Lkw, Transportern, Anhängern und Aufbauten sollen auch die Busse wieder stärker in den Blick genommen werden. Was kann die IAA Busherstellern bieten?

Wir arbeiten hier an einem Konzept und sind im engen Austausch mit den Busherstellern. So wissen wir, was es braucht, um ihnen eine gute Plattform zu bieten. Ich bin zuversichtlich, dass wir die IAA Transportation so auch für die Busbranche attraktiver machen können – und in Zukunft mehr Busse in Hannover sehen werden.

Nachhaltiger Transport und grüne Logistik ist die große Klammer der Messe. Was dürfen Besucher:innen hier erwarten?

Das Thema steht längst nicht mehr separat, sondern ist in die gesamte Messe integriert. Grüne Logistik ist kein Nischenthema mehr; die IAA Transportation ist, wenn man so will, die „grüne Woche der Logistik“. Aus der Phase von Studien, Konzepten und Pilotprojekten sind wir raus. Nachhaltiger Transport wird jetzt Alltag, und vieles von dem, was auf der Messe stehen wird, ist schon auf der Straße oder sehr bald dort zu sehen.

Die sogenannte „Letzte Meile“ ist das aufwändigste Segment in der Supply Chain, in dem die höchsten Kosten und auch Emissionen anfallen. Welche Lösungen und Ansätze zeigt die IAA Transportation, um die „Last-Mile-Logistik“ nachhaltiger zu gestalten?

Zuallererst wollen wir die Last-Mile-Area vom letzten Mal ebenso fortführen wie den Cargobike-Parcours. Allerdings führen wir diese Elemente, die inhaltlich zusammengehören, jetzt auch räumlich zusammen. Die letzte Meile ist eine große Herausforderung, aber auch eine große Chance. Die Chance besteht darin, dem breiten Publikum die Möglichkeiten nachhaltiger Logistik nahezubringen und zu zeigen, dass wir die letzte Meile klimaneutral gestalten können. Verbunden ist das auch hier mit der Frage nach der Infrastruktur. Auch im urbanen Raum brauchen Logistiker Lademöglichkeiten für ihre Fahrzeuge. Ziel der IAA Transportation 2024 ist es hier, sektorübergreifend zu denken.

Braucht es denn nicht auch hier den passenden Rahmen, dass sich nachhaltige urbane Logistik entfalten kann?

Klar, Priorisierungen im Verkehr sind wichtig, etwa mit speziellen Ladezonen, die teilweise schon in der Umsetzung sind. Wir müssen auch hier den Rahmen schaffen, in dem sich die innovativen Produkte unserer Unternehmen entfalten können – ein politisches Umfeld, das den Markthochlauf emissionsfreier Lösungen unterstützt. Wichtig ist dabei, das richtige Augenmaß zu wahren – sowohl was Regulierungen als auch sonstige Belastungen angeht. Die Waren sollten in diesen schwierigen Zeiten für die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht noch teurer werden.

Messebesucher:innen sollen auch selbst aktiv werden können. Wie wird die IAA Experience angelegt sein – und braucht man einen Lkw/Bus-Führerschein?

Es geht uns um den „Erlebnisfaktor“ Messe. Das Publikum will nicht mehr nur Gespräche führen, sich vernetzen oder Fahrzeuge ansehen, sondern am besten gleich etwas ausprobieren. Das werden wir ermöglichen und damit zugleich zeigen, was eine Messe ausmacht und was eine Messe kann: Echte Erlebnisse schaffen.

Der Erfolg gibt uns hier Recht, wenn man sieht, wie stark frequentiert etwa der Cargobike-Parcours oder die Last-Mile-Area auf der vergangenen IAA Transportation waren. Auch die Test Drives mit Trucks und Vans waren beim letzten Mal schnell ausgebucht. Ein entsprechender Führerschein dafür ist natürlich Voraussetzung.

Viele Unternehmen gehen schon mit gutem Beispiel voran und leisten Pionierarbeit bei nachhaltiger Logistik. Vorreitern und ihren Lösungen eine Bühne zu bieten, ist das die Idee hinter dem Format IAA Excite?

An den Ständen zeigen unsere Hersteller serienreife Produkte. Mit dem Format IAA Excite wollen wir den Blick ein wenig darüber hinaus weiten und zeigen, was in nächster Zeit zu erwarten ist. So können die Besucherinnen und Besucher schon mal in die Zukunft schnuppern. Wir wollen zeigen, wie innovativ die Branche ist – mit welcher Leidenschaft hier die Lösungen für die Herausforderungen im Jetzt und in der Zukunft entwickelt werden.

Ohne dass die Fahrer und Nutzer all dieser Lösungen mitziehen, wird es aber nicht gehen. Was wollen sie denen auf der Messe bieten?

Es ist sogar ganz entscheidend, die Fahrerinnen und Fahrer mitzunehmen. Gerade deswegen wollen wir auch immer wieder auf anschauliche Weise zeigen, welche Vorteile die präsentierten Lösungen im Alltag an Komfort und Sicherheit für die Menschen bieten. Deshalb wollen wir auch das Messewochenende wieder verstärkt nutzen, um die Fahrerinnen und Fahrer direkt anzusprechen und Spaß an den Produkten und der Branche zu vermitteln. Das ist mir persönlich ein hohes Anliegen.

Das Interview führten Nadine Bradl und Johannes Reichel

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Seite 8 | Rubrik UMWELT UND VERKEHR