Planungsaufwand, der lohnt

Hermes startet mit der emissionsfreien Belieferung in der Innenstadt. Das Projekt in der Hauptstadt soll als Blaupause dienen und zügig auf weitere Städte übertragen werden. Dresden, Leipzig, Erfurt und Mainz sind in Planung.

Gaben den Startschuss für die Blaupause (v. l.): Harald Schnetgoecke (General Area Manager, Hermes Germany), Marco Schlüter (COO Hermes Germany) und Pouyan Anvari (Area Manager Berlin Hermes Germany) beim Auftakt zu „Green Delivery Berlin“ auf dem Euref-Campus. Bild: Hermes
Gaben den Startschuss für die Blaupause (v. l.): Harald Schnetgoecke (General Area Manager, Hermes Germany), Marco Schlüter (COO Hermes Germany) und Pouyan Anvari (Area Manager Berlin Hermes Germany) beim Auftakt zu „Green Delivery Berlin“ auf dem Euref-Campus. Bild: Hermes
Redaktion (allg.)
Berlin

Die Logistik-Tochter der Otto Group Hermes Germany liefert ab sofort in der kompletten Berliner Innenstadt emissionsfrei aus. Der KEP-Dienstleister setzt dabei auf die Kombination von Cargobikes und Mikrodepots. Mehr als 300.000 Berliner:innen in Schöneberg, Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Tiergarten, Mitte und im Regierungsviertel würden nun abgasfrei und lärmarm mit Paketen versorgt, heißt es. Die mehr als 2,5 Millionen Sendungen pro Jahr werden per E-Transporter oder E-Lastenrad zugestellt. Auch die 79 PaketShops in den entsprechenden Stadtteilen und Bezirken integriert Hermes als Teil von „Green Delivery Berlin“. Die Standorte würden CO2-frei angefahren, wie der Logistiker weiter mitteilt. Insgesamt taxiert das Unternehmen die Emissionseinsparung auf 220 Tonnen CO2 pro Jahr. Das Nachhaltigkeitskonzept soll als Blaupause für weitere deutsche Innenstädte dienen, auch in Leipzig, Dresden, Erfurt und Mainz will der Paketdienst „in naher Zukunft“ ähnlich aufgesetzte Konzepte der emissionsfreien Belieferung starten. „Die großflächige emissionsfreie Zustellung ist kein Pilot mehr. Die Berliner Innenstadt ist nun mit Abstand das größte zusammenhängende Gebiet, das Hermes emissionsfrei beliefert“, erklärte Marco Schlüter, Chief Operations Officer bei Hermes Germany.

Erstmals funktioniere das Zusammenspiel von E-Mobilität, Ladeinfrastruktur und hybrid genutzten Mikrohubs so gut, dass eine Innenstadt flächendeckend emissionsfrei beliefert werden könne, warb Schlüter bei einer hybrid durchgeführten Presseveranstaltung weiter. Er verschwieg allerdings nicht, dass es auf dem Weg zu dem Konzept zahlreiche Rückschläge, Neuansätze und Umplanungen gegeben habe. Während sich das finanzielle Investment zwar in Grenzen gehalten habe, sei der zeitliche und planerische Aufwand enorm gewesen.

Stellflächen gesucht

Schlüter forderte zudem mehr Unterstützung von Kommunen und der Politik, vor allem in Hinblick auf die Schaffung von Mikrodepot-Stellflächen und Arealen, die schwer zu finden und wenn, dann teuer seien. Man könne hier aber als „margenschwaches“ Geschäft nicht mit den Interessen von Immobilienkonzernen konkurrieren. Auch durch die aus seiner Sicht „beklagenswerte“ Transformation einschließlich „Ladensterben“ ergäben sich zwar Chancen für eine Umnutzung, allerdings habe man als Logistiker bei den Immobilienbetreibern bisher keine allzu starke Resonanz, deutete Schlüter an.

Das emissionsfreie Gebiet erstreckt sich über die Stadtgebiete Schöneberg, Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Tiergarten, Mitte und das Regierungsviertel. Täglich sind 28 Lastenräder und 14 E-Transporter im Einsatz. Ausgehend von drei mit Ökostrom betriebenen zentralen Mikrohubs gehen die Fahrzeuge emissionsfrei auf Tour. Sie ersetzten etwa 50 Diesel-betriebene Transporter. Diese kleinen Depots werden in Kooperation mit anderen Firmen genutzt. Sie sollen künftig und sobald die geeigneten Fahrzeuge und Förderung dafür vorhanden seien, idealerweise auch aus den Logistizentren und Umschlaglagern mit Elektro-Trucks angefahren werden. Hier setze man heute teils eSprinter, aber vor allem auch Diesel-Trucks ein, die allerdings mit Biokraftstoff HVO betrieben würden, ergänzte Schlüter.

Die Letzte Meile sei ein hochkomplexes Spannungsfeld und beim Aufsetzen einer komplett emissionsfreien Zustellung seien viele Faktoren zu berücksichtigen. Neben den geeigneten Fahrzeugen verweist man auf die Notwendigkeit einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur und vor allem zentraler Mikrohubs, die besonders in Innenstadtlagen rar und teuer sind.

„Wir nutzen in Berlin drei zentral gelegene Mikrohubs und können so mit unseren Lastenrädern direkt im Zustellgebiet starten“, gibt Pouyan Anvari, Area Manager Berlin bei Hermes Germany, Einblicke in das Mikrodepot-Konzept. Unterwegs können die Lastenradfahrer:innen die Akkus bequem austauschen.

Viel gestestet

Hier hilft auch eine Kooperation mit Swobbee, einem Experten für Akku-Wechselstationen. Die Cargobikes sind ein wichtiger Bestandteil der Mobilitätsstrategie: Aufgrund der geringen Verkehrsgeschwindigkeit und mancherorts für Transporter gesperrter Straßen seien die Lastenräder in diesen Gebieten sogar effizienter als konventionelle Transporter.

„Vor allem im Bereich der Lastenräder haben wir viel getestet und beispielsweise den Berliner Hersteller ONO auf dem Weg zur Marktreife begleitet. Natürlich profitieren auch wir von dieser engen Zusammenarbeit, da die ONO-Lastenräder nun einen Großteil unserer Cargobike-Flotte in Berlin ausmachen“, ergänzt Pouyan Anvari.

Die Cargobikes legen eine Tourenlänge von jeweils sechs bis acht Kilometern zurück und transportieren jeweils rund 120 bis 130 Sendungen täglich. Durch die zentralen Mikrohubs und die damit verbundenen kurzen Anfahrtswege sei auch das Nachladen möglich. Einen weiteren wichtigen Faktor sieht der Logistiker in der Kooperation innerhalb der Branche. So arbeite man mit weiteren Unternehmen wie die PIN AG in Berlin zusammen. „Gemeinsam schaffen wir hier viele Synergieeffekte, wie beispielsweise die Verbundzustellung. Aber auch bei der Ausweitung unseres Konzepts wird die gemeinsame Nutzung von Mikrohubs mit der PIN AG eine wichtige Rolle spielen“, geht Pouyan Anvari auf die Zusammenarbeit ein.jr

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Seite 7 | Rubrik UMWELT UND VERKEHR