Tücken der Citylogistik

Umweltfreundlich, flexibel und (meist) uneingeschränkt: So bewegen sich Lastenräder im Stadtverkehr. Auch Unternehmen setzen vermehrt auf den neuen Mobilitätstrend. Für einen effizienten Einsatz ist technische Unterstützung gefragt.

Paket-Dienstleister setzen Lastenräder und Cargobikes für die komplexe Logistik der „letzte Meile“ ein. Der Mobilitätstrend bietet eine neue, umweltfreundliche Zustellmethode in Innenstädten. Bild: Adobe Stock/David Fuentes
Paket-Dienstleister setzen Lastenräder und Cargobikes für die komplexe Logistik der „letzte Meile“ ein. Der Mobilitätstrend bietet eine neue, umweltfreundliche Zustellmethode in Innenstädten. Bild: Adobe Stock/David Fuentes
Redaktion (allg.)
Alternativer Lieferverkehr

Unsere Innenstädte verändern sich: Der Stadtverkehr für Kraftfahrzeuge wird weiter eingeschränkt, die Infrastruktur für Fahrräder vermehrt gefördert und ausgebaut. Dass Lastenräder unter diesen Voraussetzungen als neuer Trend hervorgehen, ist wenig überraschend. Das Interesse ist größer als je zuvor, auch für den gewerblichen Einsatz: Viele Paket-Dienstleister testen bereits verschiedene Modelle der Trend-Transportmittel auf zwei oder mehr Rädern für die Lieferung bis an die Haustür. In Innenstädten sind sie die künftigen Zustellmethoden der Wahl. Während Fahrradkuriere im Transportvolumen stark eingeschränkt sind, bieten Lastenräder bei gleicher Flexibilität das größere Ladevolumen. Darin übertroffen werden sie nur noch von Cargobikes, die durch eine witterungsfeste Fahrerkabine und Transportcontainer fast schon an kleine Lieferwagen erinnern.

Die täglichen Herausforderungen für herkömmliche Lieferfahrzeuge wie Fahrverbote in Umweltzonen, Einbahnstraßen, Halteprobleme oder Absperrpoller, stellen für das Lastenrad keine Probleme dar. Das macht die Zustellung flexibel: Der Kurier kann Radwege nutzen, das Lastenrad durch Fußgängerzonen schieben oder direkt vor der Haustür der Lieferadresse halten, ohne die Straße zu blockieren. In Sachen Personal punkten sowohl Lastenräder als auch Cargobikes, denn es sind weder Führerschein noch Zulassung nötig, um sich damit im Stadtverkehr zu bewegen. So kommen deutlich mehr Bewerber als Kurier auf einem Lastenrad oder Cargobike infrage als für die Zustellung im Transporter.

DHL, Hermes, UPS und Co. sehen die Zustellung per Lastenfahrrad und Cargobike als zukunftsfähige Bewältigung der „letzten Meile“ der City-Logistik an. Kleine Umschlagplätze, sogenannte Mini-Hubs, ermöglichen das Verteilen der Ware an die Räder. Dabei handelt es sich entweder um Transporter oder kleine Depots am Stadtrand, die große Zustellfahrzeuge ersetzen und Emissionen einsparen. Denn nicht zuletzt wegen ihrer Umweltfreundlichkeit sind die Räder ein Trend: Für den Transport der immer wachsenden Zustellungsaufträge bringen allein Muskelkraft und nachhaltiger Strom die E-Lastenräder und elektromotorisierten Cargobikes zum Rollen. Richtig in Szene gesetzt, lassen sich Cargobikes mit großen Containerboxen als perfekte Werbefläche für ein umweltfreundliches Image nutzen. Ihr Einsatz ist somit auch eine Strategie der Green Logistics-Welle, die auf nachhaltige Logistiklösungen und Ressourceneffizienz setzt.

Das Lastenrad als Transportmittel bietet nicht nur ökologische Effizienz. Auch durch seine Flexibilität bringt es zahlreiche Vorteile mit sich. Um diese Vorteile effektiv nutzen zu können, bieten sich Branchen mit einer hohen Kundendichte und kleinteiligen Lieferungen als Einsatzgebiet an. Daher sind Lastenräder meist für Paket-Dienstleister unterwegs. Aber auch andere Branchen profitieren: Für lokale Zulieferungen, die während der Pandemie stark gefragt sind, sind die Fahrräder ideal. Ob Essenslieferungen zu Stoßzeiten, oder Einkäufe, die von Supermärkten an die Kunden zugestellt werden: Lastenräder können kleine, individuelle Waren wie Lebensmittel flexibel ausliefern.

Besonders für Lebensmittel gelten zudem bestimmte Transportbedingungen, die unbedingt einzuhalten sind. Solche Warenansprüche erfüllen Lastenräder und Cargobikes im gleichen Umfang wie Lastkraftwagen. Frische Lebensmittel, die einen Kühlbedarf haben, transportieren Kuriere beispielsweise in Kühlcontainern. Auch typische Lieferbedingungen wie die strikte Trennung von Lebensmitteln und Abfällen werden berücksichtigt. Dafür sind Systeme zur Organisation notwendig, die für die Erfüllung der Warenvoraussetzungen sorgen.

Um die Flexibilität der Lastenräder effektiv auszuschöpfen, ist die Organisation mehrerer Kuriere besonders wichtig. Wegen der hohen Dynamik der Lastenradzustellung, gehen die Planungsherausforderungen über das Übliche hinaus. Systeme zur Tourenoptimierung können zur Verfügung stehende Lastenräder perfekt auslasten. Sie nutzen passende Algorithmen und Filter, um Touren zu erstellen, die speziell für Fahrräder geeignet sind. Solche Routing-Lösungen berücksichtigen bestimmte Voraussetzungen: So umfahren Kuriere gezielt Streckenabschnitte, die zu steil sind, um sie mit einem Lastenrad zurückzulegen. Im Gegenzug sind Routen, die mit einem Transporter nicht zugänglich sind, für Lastenrad- und Cargobikekuriere befahrbar und werden entsprechend für eine optimale Streckengestaltung genutzt.

Gut geplant muss es sein

Auch Bedingungen wie die Akkuleistung der E-Lastenräder und die Auslastung des Fahrers nimmt die Tourenoptimierung auf: Entsprechende Systeme berücksichtigen die maximale Tourenstrecke, die für den Kurier mit einem vollen Akku zurückzulegen ist. Aber auch die Dauer, die ein Rad wieder laden muss, um für die nächste Tour bereitstehen zu können, wird mit eingeplant.

Das Ziel, durch Tourenoptimierung die zurückgelegten Strecken zu minimieren, tritt bei Lastenrädern in den Hintergrund. Faktoren wie Spritkosten fallen weg. Allein das Personal ist für Lastenräder ein relevanter Kostenpunkt, der sich auf die Tourenoptimierung auswirkt. Dementsprechend liegt der Fokus auf der Verbesserung der Fahrtzeit: Systeme zur Tourenoptimierung organisieren den Einsatz der Lastenräder und Cargobikes, um Fahrzeiten zu reduzieren, Räder einzusparen und Lieferzeitfenster einzuhalten.

Nicht nur Waren stellen Bedingungen an den Lieferprozess. Auch die Kuriere selbst stellen Voraussetzungen, die mit Tourenoptimierungen erfüllt werden können. Zur Organisation der Kuriere teilen Tourenoptimierungslösungen die Waren optimal auf die Fahrzeuge auf. Sowohl Zustellungen als auch Abholungsaufträge berücksichtigt das Assistenzsystem, um die Lastenräder dynamisch einsetzen zu können. So ist es auch während der Fahrt möglich, neue Abholaufträge hinzuzufügen und die Route der Lastenrad-Kuriere zu aktualisieren. Zusätzlich unterstützt die Tourenoptimierung die Zusteller auf dem Lastenrad und beugt so dem Qualitätsverlust bei Einsätzen in neuen Gebieten vor. Umleitungen während der Tour, die durch neue Aufträge oder versperrte Streckenabschnitte nötig sind, werden schnell im System umgesetzt und dem Fahrer mitgeteilt. Damit sind mehr Aufträge auf weniger Strecke zu bewältigen.

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Ladungssicherung: von hart bis zart

Im Forschungsprojekt InkluServ entwickeln die WEK Werkstätten Esslingen-Kirchheim in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation sowie gts systems & consulting ein Assistenzsystem für schwerbehinderte Kuriere. So passen die Projektpartner unter anderem die Routinganweisungen an die individuellen Bedürfnisse beeinträchtigter Kuriere eines inklusiven Supermarkts und Cafés an. Die teilnehmenden Partner arbeiten daran, markante Punkte der Umgebung ins Routing aufzunehmen. So hieße die Routinganweisung beispielsweise nicht mehr „in 500 Metern rechts“, sondern fordere den Kurier stattdessen auf, beim roten Haus rechts abzubiegen. Durch diese digitale Unterstützung des Assistenzsystems erreichen gehandicapte Auslieferungsfahrer die Kunden problemlos mit einem E-Lastenrad, um die Warenauslieferung selbstständig durchführen zu können.

Für die Kommunikation zwischen dem System und dem Fahrer im Depot, aber auch für die Erreichbarkeit unterwegs, spielt die Sprachsteuerung zukünftig eine wichtige Rolle. Je kleiner das Lastenrad ist, umso wichtiger ist eine Sprachsteuerung: Das normale Lastenrad hat kein überdachtes Cockpit wie ein Cargobike. Tablets oder Smartphones, die für die Navigation eingesetzt werden und für die Fahrt am Lenker befestigt sind, sind so Witterungsverhältnissen ausgesetzt und anfällig für Diebstahl. Mit einem Headset können die Kuriere stattdessen auditiv navigiert werden. Dafür sind lediglich eine Applikation auf dem Smartphone und eine mobile Internetverbindung nötig. Die KI kann dabei auch die Routenänderungen im System aufgreifen und durch sprachgesteuerte Navigation an den Fahrer weitergeben. Damit bleiben auch der Blick und die Aufmerksamkeit der Zusteller während der Fahrt auf den Straßenverkehr gerichtet. So wird Sprachsteuerung beim Einsatz von Lastenrädern zu einem hilfreichen Feature der Tourenoptimierung und eine sichere Navigationsmethode durch die Städte.

Bis die Drohnen kommen

Neben Lastenrädern und Cargobikes sind weitere Zustellmethoden in Entwicklung, die die künftig vermehrt grüne Logistik bereit für die Zukunft machen. Bis die Logistikdrohne die Pakete aus der Luft zur Haustüre bringt, werden jedoch immer mehr Lastenräder den Weg über die Straßen zu den Kunden finden. Denn die Urbanisierung macht die „letzte Meile“ der Logistikkette zunehmend komplexer. Um in Innenstädten mit Fahrverboten für Autos und Transporter weiterhin alle Kunden zu erreichen, sind Lastenräder die perfekte Lösung. Für ländliche Gebiete eignen sie sich aufgrund der zersiedelten Infrastruktur und fehlenden Hubs zum Aufnehmen der Ware eher weniger. Aktuell ist das Lastenrad daher ein attraktives Transportmittel der urbanen Zukunft, nicht zuletzt aufgrund der Verkehrs- und Umweltpolitik.

Auch das steigende Paketaufkommen fordert effizientere Zustellmethoden. Zwar setzt das Lastenrad neue Technologien und Systeme voraus, bietet aber auch Verbesserungen des Serviceangebots, wie beispielsweise im Bereich der Express-Zustellungen. Es erfüllt mit der richtigen Tourenplanung den Anspruch, möglichst viele Zustellungen in kürzester Zeit zu bewältigen und ist somit für wachsende Auftragszahlen gewappnet.

Autor

Michael Thärigen ist Geschäftsführender Gesellschafter bei gts systems & consulting. Das Unternehmen entstand 1999 aus einer Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Hans-Jürgen Sebastian und Dr. Tore Grünert an der RWTH Aachen. Der Schwerpunkt des Aachener Unternehmens liegt auf intelligenter Tourenplanungs- und Tourenoptimierungssoftware.

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Artikel Tücken der Citylogistik
Seite 8 | Rubrik UMWELT UND VERKEHR